„Wir leben die Zeitenwende“
Wir sind da. Aber wo bitte geht’s jetzt zur Rezeption? Links liegt der Campingplatz, geradeaus geht’s zu den nagelneuen, goldschimmernden Ferienhäusern, rechts von uns entdecken wir ein Restaurant mit vielen Sitzplätzen draußen. Kurz darauf sehen wir auch das Holzschild, auf dem in roten Buchstaben „Rezeption“ steht. Und werden auf der Rückseite des Haupthauses herzlich empfangen. „Wir wollten halt nicht, dass unsere einheimischen Gäste erst an der Rezeption vorbei müssen, wenn sie bei uns im Biergarten den Tag ausklingen lassen möchten“, sagt Kristian Nielsen lachend. Also ist das Gasthaus vorn und der nagelneue Empfangsraum mit Shop hinten.
© Christiane WürtenbergerGemeinsam mit Bruder Sebastian führt Kristian seit etwa 25 Jahren das Adventure Camp Schnitzmühle in Viechtach im Bayerischen Wald. „Wir haben den Campingplatz mit Pension von den Eltern übernommen“, erzählt er, „und führen ihn nun schon in dritter Generation.“ Die beiden Jungs sind viel durch die Welt gereist, und als sie heimkehrten, waren sie sich einig: Ihre Urlaubswelt sollte naturnah und nachhaltig sein, lässig und abenteuerlustig, traditionell und innovativ, mit bayerischem Flair und doch auch international. Also wurde aus der großelterlichen Sägemühle mit Pferden und Fischzucht um die Jahrtausendwende ein Adventure Camp, in dem alle Gäste die für sie passende Übernachtungsform finden.
© Christiane WürtenbergerDer Campingplatz liegt auf einer Insel im Fluss Schwarzer Regen, die über eine Brücke mit dem „Festland“ verbunden ist. Dort stehen das Hotel – hier Hacienda genannt –, die Lodge und die zuletzt erbauten Ferienhäuser. Es gibt außerdem das kleine Emoji Sphere Spa, einen Naturbadesee und viele Angebote, die über Partner ermöglicht werden: Kanu- und Mountainbike-Verleih, Natur- Workshops und Yoga zum Beispiel. „Das alles hier ist nicht am Reißbrett entstanden“, erzählt Kristian, „sondern gewachsen. Der Campingplatz etwa sei zufällig entstanden, als Gäste aus West-Berlin im nördlichen Bayern Ferien machten und Kristians Großmutter fragten, ob sie auf der Viehweide im Zelt übernachten dürften. „Meine Oma fand das erst einmal komisch – wer schläft schon gern bei den Tieren? Aber dann fing sie an, für die Gäste Kuchen zu backen, und irgendwann erbauten meine Großeltern ein kleines Sanitärhäuschen. So entwickelte sich alles Stück für Stück. Bei uns bereichern sich bis heute alte und neue Welt.“
© Christiane WürtenbergerGanz wichtig: langfristige Kooperationen mit regionalen Produzenten
Wie die beiden Mitvierziger es schaffen, dass das Adventure Camp auch nach einem Vierteljahrhundert noch das Flair eines Startups umweht, wissen sie möglicherweise selbst nicht. Aber es ist so. Das schwarz gestrichene Dschungel-Sanitärhaus mit Pflanzen und Bereichen für „Tarzan“ und für „Jane“ erweckt diesen Eindruck ebenso wie der digitale 24/7-Supermarkt-Kubus zur Selbstbedienung. Das Gefühl für Design haben die Brüder vermutlich vom dänischen Vater, alles sehr hyggelig, drinnen wie draußen. Und das feine Gespür für die Heimat Bayerischer Wald entstand erst in der Ferne, wie bei vielen Weltenbummlern. Am Herzen liegen Sebastian und Kristian heute: gute, langfristige Kooperationen mit regionalen Produzenten, sichere Arbeitsplätze, die teilweise auch an geflüchtete Menschen vergeben werden, und die Umstellung von fossilen Energiequellen auf erneuerbare. „Wir nehmen die Zeitenwende in Angriff“, nennt Kristian Nielsen das. Die Hackschnitzelanlage steht. Die Frühstückssemmeln kommen von einem guten Bäcker, der noch handwerklich arbeitet. Aus dem Zapfhahn fließt das Bier einer jungen Mitarbeiterin und Brauerin aus dem Ort. Das Restaurant serviert selbst gemachte Limo – und neben bayerischer auch eine authentische asiatische Küche.
© Christiane WürtenbergerViele Stammgäste kommen aus Bayern und entdecken immer wieder Neues
„Wir haben mit 80 bis 90 Mitarbeitern eine gute Größe erreicht“, findet Kristian Nielsen. Wachsen soll das Adventure Camp daher erst einmal nicht mehr, aber sich verändern und besser werden darf es gerne. Dabei hilft seit Kurzem auch die nächste Generation der Nielsens, die schon kräftig mitmischt. Das junge Publikum – darunter viele Stammgäste aus Bayern und Einheimische, die auf dem Schwarzen Regen paddeln und im Biergarten rasten – freut’s. Man kommt wieder, und es gibt fast immer etwas Neues zu entdecken.
© Christiane WürtenbergerEs ist Abend geworden. Warmes Licht flutet den Campingplatz. Eine Gruppe Kinder kommt vom Baden im Fluss zurück. Die kleine Waldbahn, die im Bayerischen Wald viele Orte miteinander verbindet, pfeift am Rande des Campingplatzes vorbei. Ein Stück weiter weiden Pferde, wie eh und je eben. Es duftet nach Steaks und Würstchen vom Grill. Im Biergarten prostet sich eine Gruppe niederbayerischer Mountainbiker zu. Wir duschen noch schnell – einmal für Tarzan, einmal für Jane. Und spazieren dann gemächlich zum Airstream- Imbiss bei der Rezeption. Pizza to go holen. Oder besser: Pizza to chill.
Übrigens: Gegen das Wildcampen spricht sich nicht nur die Tourismusbranche aus, sondern auch Harry G. Sein Video siehst du hier.
© Christiane Würtenberger (7)
